Grossmutter
8. Mai 2016Es bricht an ein schöner Morgen,
Zaghaft zirpende Spatzen im Busch
Sie wecken Amseln, Meisen, und husch
Füllt sich der Tag nun mit Behagen.
Dick und schwarz sieht man Raben
Auf gesäten Äckern sich sonnen.
Irgendwo quietscht ein Schaukelstuhl,
Die Großmutter im Schatten vom Parasol.
Ich war ein Kind als sie fiel dem Tode.
Das Haus wo sie mit der Tante wohnte,
Mein Herz wills nicht glauben, doch ists ihm gewahr
Man verkaufte die Villa schon dieses Jahr
Liebe Tante, zeig mir ein Bild von ihr
Bat ich sie, und sie brachte es mir
Ihr Antlitz, gefroren in Sepiafarben,
Ich fühle sie, erinnere mich ans Lächeln
Einst brachte sie Kekse mit Käse
In ihrer alten roten Dose
Und nahm ins Arm mich Knaben
Ich liebe sie noch, als wär sie geblieben
Das Schaukelstuhl trägt die Alte wieder,
Sie strikt, man sieht, es wird ein Pullover,
Die Herrin des Hauses im Morgenlicht.
Ich grüße sie, doch sie erkennt mich nicht.
Sie strickt, verankert Wollenlaschen
Ich rufe sie, es sind taube Ohren
Schließlich verblasst sie, mit ihr der Stuhl
In der Garage verrostet ihr Parasol
Mit ihr starb das Unberührte,
Ohne sie war durchtränkt von Kälte
meine Welt. Und Tag für Tag
Lebte ich weils die Gewohnheit so mag.
Ich lausche die Stille, lausche die Spatzen,
Lege mich in ihr Stuhl, dasselbe Knarzen.
Will auf sie warten, auf ihr Kommen
An ihrem Tod will ich nicht glauben
(Leonard Siebeneicher)